Datum: 09.02.2012, 10:43:52 Uhr 
 
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Die Hohe Karlsschule in Stuttgart

Die bedeutendste und modernste Bildungsanstalt Stuttgarts in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Hohe Karlsschule. Die Impulse, die von dieser Gründung Karl Eugens auf das Kultur- und Geistesleben, aber auch auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft unseres Landes ausgingen, sind kaum zu überschätzen. Die Hohe Karlsschule hat einer großen Zahl von Persönlichkeiten das berufliche Rüstzeug für ein herausragendes Wirken auf den verschiedensten Lebensgebieten verschafft. Stuttgart und Württemberg haben in großer Weise davon profitiert.

Gründung

Am Anfang stand im Februar 1770 eine von Karl Eugen auf der Solitude ins Leben gerufene Gärtnerschule. Auf Kosten des Herzogs sollten 14 Garten- und Stukatorknaben dort ihre Ausbildung bekommen. Doch schon im Laufe des ersten Jahres wandelte sich die Schule durch die Aufnahme weiterer Knaben, hauptsächlich Soldatenkinder. Sie wurde im Dezember 1770 zum Militärischen Waisenhaus erklärt. Solche Einrichtungen gab es damals auch in anderen deutschen und außerdeutschen Staaten. Indes blieb es nicht beim Waisenhaus. Wohl seit längerem schwebte dem Herzog vor, den Nachwuchs an Offizieren, Künstlern im eigenen Land in einer zweckentsprechenden Bildungsanstalt heranzuziehen. Zunächst wollte er dies durch eine Reform der Universität Tübingen erreichen. Allein, die Tübinger Professorenschaft war hierfür nicht zu gewinnen. Unterstützt von dem Hauptmann Christoph Dionysius von Seeger, dem nachmaligen Intendanten der Hohen Karlsschule, gestaltete er im Februar 1771 das Waisenhaus in eine Militärische Pflanzschule um. Vornehmlich die Söhne von Adeligen, von Offizieren und Beamten sollten ihre Erziehung in der neuen Anstalt erhalten. Bereits 1761 hatte er nach französischem Vorbild in Stuttgart eine Akademie der schönen Künste gegründet. Für diese Akademie, die 1765 dem Hof nach Ludwigsburg folgte, suchte er hervorragende Lehrkräfte zu gewinnen, um den an ihr Studierenden die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Auf solche Weise löste er das Problem des Künstler- und Kunsthandwerker-nachwuchses im eigenen Land und war nicht länger auf auswärtige Maler, Bildhauer und Architekten angewiesen, die durch hohe Honorarforderungen die herzoglichen Kassen extrem belasteten. Der Herzog wandte der Akademie seine besondere Fürsorge zu und erlangte so im Bildungswesen Kenntnisse und Erfahrungen, die ihm bei der Organisation der Militärischen Pflanzschule bzw. Militärakademie sehr zustatten kamen. Außerdem konnten ihm die Professoren, aber auch die befähigten Absolventen der Akademie beim Aufbau der neuen Bildungsanstalt auf der Solitude wertvolle Dienste leisten. Schon bald rückte die neue Anstalt in den Mittelpunkt seines Interesses. Die Akademie geriet ins Hintertreffen; sie verlor nach und nach immer mehr Lehrer und Schüler an die Militärakademie. Zwar bestand sie nominell bis 1780, doch führte sie zuletzt nur noch ein Schattendasein. Mindestens sechs ihrer Absolventen wurden als Professoren an die Militärakademie berufen.
Im März 1779 erhielt die Militärische Pflanzschule auf der Solitude offiziell die Bezeichnung Militärakademie. An die Stelle der aus einfachen Verhältnissen stammenden Knaben traten jetzt die Söhne von Adeligen, von Offizieren und Beamten. Trotz ihres Namens war sie keine spezielle Offiziersbildungsanstalt, sie umfasste vielmehr mehrere für den Hof- und Staatsdienst bedeutsame Ausbildungszweige einschließlich Kameralistik und Forstwissenschaften. Außerdem verfügte sie über eine Abteilung für Musiker und Tänzer. Vorraussetzung für die Aufnahme der Zöglinge, die im Alter von sieben bis neun Jahren erfolgte, waren Elementarkenntnisse in Lesen und Schreiben. Im Mittelpunkt des vorbereitenden Unterrichts standen Latein, Griechisch und Philosophie. Diesem vorbereitendem Unterricht schloss sich ein rund vierjähriger Kurs in den Bestimmungswissenschaften, also Fachausbildung, an. Im Jahr 1775 hatte die Anstalt eine juristische, zwei militärische Abteilungen sowie eine Abteilung für Forstleute, ihr angegliedert waren Ausbildungszüge für Künstler, Musiker und Tänzer. Die Gesamtzahl der Zöglinge belief sich auch 350. Auf diesem Stand hielt sich die Schülerzahl auch in den folgenden beiden Jahrzehnten.

Der Umzug

Nach der Rückverlegung des Hofes von Ludwigsburg nach Stuttgart im Jahr 1775 bestimmte Karl Eugen Stuttgart auch als künftigen Sitz der Militärakademie. Die Landstände, die schon zwei Jahre zuvor deutlich ihr Missfallen an der neuen Bildungsanstalt wegen der dem Land aus ihr erwachsenden hohen Kosten bekundet hatten, sprachen sich gegen eine solche Verlegung aus. Sie erklärten, der als Unterkunft für die Militärakademie vorgesehenen leer stehenden Kaserne hinter dem im Bau befindlichen neuen Residenzschloss werde so ihre eigentliche Zweckbestimmung entzogen. Sie wiesen außerdem auf die Gefahr hin, die die Akademie für die Universität Tübingen bedeutete. Die dortigen Professoren würden zum Unterricht in Stuttgart herangezogen und vernachlässigten damit zwangsläufig ihre Dienstobliegenheiten in Tübingen. Als gewichtigstes Argument brachten die Landstände schließlich vor, die Anstalt verursache einen solch hohen Aufwand, dass dieser sogar zu Lasten des Militärs gehe. Doch der Herzog ließ sich durch diesen Protest nicht von seinem Entschluss abbringen. Das Stuttgart gegenüber der abgeschiedenen Solitude große Vorteile für die Entwicklung der Militärakademie bot, stand außer Frage. Hier befand sich der herzogliche Hof. Auch hatte die Stadt für die Professoren mache Annehmlichkeit. Beispielsweise konnten sie sich mit ihren Familien hier niederlassen und brauchten nicht länger zum Teil weite und beschwerliche Wege, etwa von Ludwigsburg oder Tübingen, zu Solitude auf sich nehmen. Auch konnten die Lehrkräfte des Gymnasiums am Unterricht der Akademie beteiligt werden.

Am 18. November 1775 erfolge der feierliche Umzug nach Stuttgart.
In Stuttgart stieg die Militärakademie zur Gesamthochschule auf. Unmittelbar nach der Übersiedlung erhob Karl Eugen die Medizin zum ordentlichen Studienfach. Außer Theologie waren jetzt alle an der Universität gelehrten wissenschaftlichen Disziplinen vertreten.

Ausbildung auf der Hohen Karlsschule

Die Akademisten hatten sich strengen militärischer Zucht und Ordnung zu unterwerfen. Unterricht und Freizeit waren bis in alle Details geregelt. Die Zöglinge wurden Tag und Nacht überwacht. Ihr brieflicher Verkehr selbst mit den Eltern unterlag der Zensur. Ferien oder sonntäglicher Ausgang kannten sie vor 1783 nicht. Sie hatten ständig Uniform zu tragen, ihre Professoren jedoch nur bei festlichen Anlässen.

Bei der Auswahl der Lehrkräfte hatte Herzog Karl Eugen eine glückliche Hand. Die ersten Professoren für die Militärakademie holte er aus Tübingen. Seit 1775 nahmen Professoren des Stuttgarter Gymnasiums ständig Lehraufträge an der Akademie wahr. Seit Ende der siebziger Jahre ernannte der Herzog zunehmend auch ehemalige Zöglinge, die die Militärakademie mit der Auszeichnung absolviert hatten, zu den Dozenten an ihrer bisherigen Ausbildungsstätte hinzu.

Die anfängliche Sonderstellung der Adeligen, der Kavaliere gegenüber den Bürgerlichen, den Eleven ließ sich in der Militärakademie nicht lange aufrechterhalten. In einer Bildungsanstalt mit fortschrittlicher Zielsetzung war Leistung ausschlaggebend, nicht jedoch die Geburt. Nach Ansicht Karl Eugens kam dem Religionsunterricht in der Erziehung eine grundlegende Bedeutung zu, weshalb er in den Lehrplänen der Akademie einen hohen Stellenwert erhielt.

Der Tagesablauf in der Karlsschule

5 Uhr (im Winter: 6 Uhr)
Wecken
Aufstehen
Waschen
Ankleiden
Frisieren des Zopfes

6 Uhr (im Winter: 7 Uhr)
Frühappell
Morgengebet
Frühstück (gebrannte Mehlsuppe)

7 Uhr - 11 Uhr (im Winter: 8 Uhr - 11 Uhr)
Unterricht

11 Uhr
Putz- und Flickstunde für die Uniform
Anlegen des Paradeanzuges (blauer Rock mit schwarzen Aufschlägen, weiße Weste und Hose, Stulpenstiefel und Degen, Dreispitz mit Borten und Federbusch)

12 Uhr
Mittagsappell
Entgegennahme von Strafbillets durch den Herzog
Mittagessen (schweigend)

13 Uhr
Spaziergang oder Exerzieren in der Halle (je nach Wetterlage)

14 Uhr - 18 Uhr
Unterricht

18 Uhr
Erholungsstunde

19 Uhr
Abendessen
Selbststudium

21 Uhr
Nachtruhe

Weitere Historie der Hohen Karlsschule

Dem seit längerem gehegten Wunsch Karl Eugens, seine Gründung mit Universitätsprivilegien und insbesondere mit dem Promotionsrecht auszustatten, erfüllte Kaiser Joseph II durch ein kaiserliches Erhebungsdiplom vom 22. Dezember 1781.
Die Karlsschule veränderte sich daraufhin nur noch kaum. Als jedoch 1789 die französische Revolution ausbrach, loderte auch unter den Zöglingen das Freiheitsfeuer auf. Es wurden verstärkt französische Inhalte im Unterricht behandelt. Doch kehrte man wieder zum Alltag zurück. Die Schule blieb in sich gefestigt, ihrem Gründer verpflichtet. Dessen Tod am 24. Oktober 1793 traf die Schüler und Professoren hart.

Am 18.April 1794 schloss die Hohe Karlsschule, diesen Namen hatte sie im Laufe der Zeit erhalten, ihre Tore. Der Bruder Karl Eugens sah keinen Sinn in der Schule, und wollte das Geld, das die Schule kostete, anders ausgeben.

Schüler der Hohen Karlsschule

Zu den Schülern der Hohen Karlsschule zählte allen voran Friedrich Schiller, der während seines Aufenthaltes in der Karlsschule oft sehr leiden musste, da er von seinem Vater zu einem Studium der in Stuttgart neu gegrünten Medizin gezwungen wurde. Er wendete sich lieber dem dichten zu.

Weitere bedeutende Schüler waren der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker (der auch als Professor an der Karlsschule lehrte), der Maler Joseph Anton Koch und der Arzt und politische Publizist Johann Georg Kerner.

15.07.2006 19:50:25 von steam
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