Datum: 09.02.2012, 13:10:13 Uhr 
 
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Vergleich zum Thema Migrantenliteratur

Clara Tauchert-da Cruz: Insel – Franco Biondie: Ode an die Fremde

In der Migrantenliteratur, der auch die Gedichte “Insel” von Clara Tauchert-da Cruz und “Ode an die Fremde” von Franco Biondi angehören, wird meist die Thematik der Entfremdung oder der oft problematischen Integration behandelt. Diese Form der Literatur ist bis heute vor allem unter den Betroffenen, also den Migranten selbst, weit verbreitet, wird aber je nach eigenen Erfahrungen sehr unterschiedlich gestaltet. Als Beispiel für die unterschiedlichen Erlebnissen der Einwanderer werden im Folgenden die oben genannten Gedichte gegenübergestellt und verglichen.

Das Gedicht von Clara Tauchert-da Cruz ist in vier verschieden große Strophen, die relativ kurz sind, unterteilt. Dagegen hat “Ode an die Fremde” lediglich zwei, ebenfalls in den Bezug auf die Größe sehr ungleiche, aber umfangreichere Strophen. Bei beiden Gedichten ist kein eindeutiges Metrum zu erkennen – Kadenzen und Reimschemata geschweige denn Reime findet man bei beiden Werken nicht.

Im Gedicht “Insel” fällt gleich im ersten Vers ein Hendiadioyn auf, dass dem Leser sofort die Problematik entgegenschleudern soll. “Draußen und dazwischen”(I1) betont hierbei mit den nächsten beiden Versen “ohne Wurzeln im Niemandsland”(I2,3), dass das lyrische Ich weder Heimat noch Zukunft in der Fremde sieht und verinnerlicht uns die tiefe Verzweiflung. Dieses Problem mit der zweiseitigen Entfremdung wird in der nächsten Strophe weitaus deutlicher als zuvor mit einem Parallelismus erneut betont. Die dritte Strophe, die größte dieses Gedichtes, thematisiert die Isolation der Migranten trotz direktem Kontakt zu ihren Mitmenschen. Dabei arbeitet der Autor mit zahlreichen Metaphern, wie z.B. “[...] wo Gebärden [...] zu Eis werden” (III2,4), welche die Gefühlskälte zwischen den Menschen darstellt oder “Vakuum”(III5), welche die Isolation, also den leeren Raum direkt anspricht. Mit dem Ausdruck “zweisprachig stumm” (III6,7) drückt der Autor die Zweiseitigkeit der Isolation aus, sowohl den Landsleuten, als auch den Einheimischen gegenüber.
In der letzten Strophe zieht das lyrische Ich ein Fazit: Er personifiziert Deutschland und spricht es direkt an. Dazu benutzt der Autor erneut einen Parallelismus, in dem er Deutschland zuerst als Brücke, “Eine Brücke wolltest du sein.” (IV1,2), also als Symbol für ein Weg zu einem besseren Leben darstellt, später allerdings als Insel, “Eine Insel bist du.” (IV3,4), also als Symbol für Isolation, Einsamkeit und Ausweglosigkeit. Beide Sätze wurden invertiert um die Begriffe “Brücke” und “Insel” an den betonten Satzanfang zu stellen.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass das Gedicht “Insel”, in seiner Stimmung äußerst negativ gehaltenes ist. Der Autor hatte vermutlich schlechte Erfahrung als Migrant gemacht und versucht deshalb seine eigenen Erlebnisse in einem solchen lyrischen Text zu verarbeiten und auszudrücken. Er definiert die Fremde als allgegenwärtig, d.h. mit dem Zeitpunkt als er seine Heimat verlies, wurde er dort zum Fremden, und in der Fremde, vermutlich Deutschland, wurde er niemals heimisch.
Doch nicht alle Werke der Migrantenliteratur sind derart pessimistisch verfasst. Das Gedicht “Ode an die Fremde” von Franco Biondie ist komplett gegenteilig zu “Insel”. In diesem Gedicht ist das lyrische Ich erfolgreich integriert worden in die fremde Gesellschaft.

Bereits im dritten Vers macht er dem Leser gegenüber unmissverständlich seine Haltung klar: “Ich liebe die Fremde”(I3). Mit den eigenen Wortschöpfungen “Nirgendwodazugehörens”(I4) und “Immervonneuemausgeschlossenseins”(I5) drückt er jedoch auch seine schlechten Erfahrungen aus, die er aber mit Selbstbestimmung und Freiheit verbindet. Anschließend spricht er die Fremdenfeindlichkeit der Bevölkerung an, doch auch hier spielt er die Tatsachen herunter mit der Begründung, dass die Fremde sein Schutz ist. Mit einem Enjambement verbindet er die beiden Strophen miteinander und beschreibt somit nahtlos die Beziehung zwischen ihm und Deutschland. Auch Biondie personifiziert Deutschland indem er sich selbst als einen “eifersüchtige[n] Liebhaber” (II2) Deutschlands beschreibt. Zuletzt sieht er jedoch ein, dass er niemals in der Fremde akzeptiert werden wird, “Dabei bin ich in der Fremde völlig gleichgültig” (II4).

16.07.2006 04:01:04 von AndreasD
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