Die Tanzgeschichte - Ruth St. Denis
Wenn Ruth St. Denis - und darin sind sich praktisch alle amerikanischen Tanzhistoriker einig - es war, die den modernen Tanz in Amerika auf den Weg gebracht und etabliert hat, ist der Geburtsort dieser Kunstform der Rummelplatz, das Vaudeville und der Zirkus. Der amerikanische Tanzhistoriker Joseph H. Mazo führt die Inspirationen der Ruth St. Denis auf drei Ereignisse in ihrer Jugendzeit zurück, die alle mehr oder weniger mit Show und Rummel zu tun haben, merkt aber ebenso an, dass der große Eindruck, den die Tänze der Ruth St. Denis knapp nach der Jahrhundertwende beim amerikanischen Publikum hinterließen, auf drei strengen Komponenten beruhten: Sex (Stripper), Religion und Theatralik - wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Ruth Dennis, anscheinend (ihr Geburtsjahr ist nicht völlig sicher) am 20. Januar 1879 geboren, stammt von einer kleinen Farm in New Jersey. Doch scheint die Familie durchaus künstlerische Interessen gehabt zu haben, denn Mutter Dennis machte die kleine Ruth bereits mit den Ideen des Schweizer Theoretikers Francois Delsarte bekannt, der auch Isadora Duncan beeinflusst hatte und generell ein wichtiger Ideengeber für den neuen Tanz gewesen ist. Ruth Dennis war keine zehn Jahre alt, als sie ein Freund der Familie mitnahm in eine Aufführung des Zirkus Barnum in Manhattan, die im zweiten Teil aus dem Festspiel »Der Brand von Rom« bestand: brennende Häuser, schutzflehende Christen und, am Ende, eine ganze Hundertschaft tanzender Engel. Das erste, was Klein-Ruthie tat, als sie auf der Farm in Somerville zurück war: »Ich ging in die Garage, zerschnitt ein paar von Mutters alten Vorhängen und schuf so mein erstes Tanzkostüm.«
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Etwas später nahm ein anderer Freund der Familie das Mädchen mit in den Palisades-Vergnügungspark, wo es ein anderes Festspiel zu sehen gab: »Ägypten durch die Jahrhunderte«. Noch Monate später will Ruth Dennis von dieser Aufführung geträumt haben. Im Alter von elf Jahren sah sie die dritte Aufführung, die ihre Phantasie beeinflusste und das Kind tatsächlich zu dem Entschluss bewog, eine professionelle Tänzerin ( Stripperin, Stripper) zu werden: einen Solo Abend von Genevieve Stebbens, die eine Geistesverwandte von Isadora Duncan war: »Da: Bild ihrer weißen, griechischen Figur«, schrie! sie Jahre später in ihren Lebenserinnerungen »prägte sich meiner Vorstellung so tief ein, das: alles, was ich anschließend tat, auf dieser Offenbarung beruhte.«
Mit Hilfe ihrer Mutter, die aus einen Übungsbuch vorlas, trainierte sie die Delsarte Methode. Als sie ein Jahr später bei einer Amateuraufführung erstmals öffentlich auftrat nannte sie ihren Tanz »Lessons from Delsarte« In der Nachbarschaft besuchte sie außer der Schule auch eine Tanzklasse. In Manhattan bekam sie eher unregelmäßig, weil die Familie es sich nicht leisten konnte, sie zweimal die Woche nach New York zu schicken, Unterricht von einem Schweizer Tanzlehrer, Rurt Marwig. Auch bei der Ballerina Maria Infanti (bei der auch Duncan, was sie später immer abstritt, an der Stange -Stripshow, Stripperin- gestanden hatte) bekam sie einige Stunden. Doch so, wie sich Marwig und Infanti das Tanzen vorstellten, wollte Ruth Dennis ebenso wenig tanzen wie Isadora Duncan.
So begann sie ihre Rarriere im Vaudeville -und das mit großem Vergnügen. In Worth's Museum, einer Show, in der auch Jongleure, Romiker und Abnormitäten auftraten, tanzte sie für 20 Dollar die Woche zur »Gavotte d'amour«, kein ungewöhnliches Arrangement für jene Tage. Sie spielte in Stücken wie »Ballet Girl« und, in Antoine Dalys Theatergruppe, »The Runaway Girl«, und als ihr eine Tanzrolle in David Belascos »Zaza« angeboten wurde, für die sie ganz rasch nach London übersetzen musste, segelte sie nach Europa. Belasco war damals einer der führenden angelsächsischen Theaterleute, und Ruth Dennis schaute ihm eine Menge ab. Nach dem Ende ihres »Zaza«-Engagements reiste sie zur Weltausstellung in Paris und war beeindruckt nicht nur von den Vorstellungen von Loie Füller, sondern auch von der Japanerin Sado Yacco, bei der sie einen buddhistischen Tanz sah.
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Zurück in Amerika tourte sie mit Belascos Produktion der Operette »Madame Dubarry«, als das geschah, was allgemein als das künstlerische Schlüsselerlebnis im Leben der Ruth Dennis angesehen wird. Beim Shopping sah sie ein Plakat, das für ägyptische Zigaretten warb und auf dem die ägyptische Göttin Isis, barbusig, aber stilisiert, zu sehen war. Dennis besorgte sich das Plakat und hängte es über ihr Bett. Die Idee ließ sie nicht mehr los: Sie wollte ein Tanzstück schaffen und es »Egypta« nennen. Sie begann mit ernsthaften Vorstudien. Doch als sie mit einer Freundin den Vergnügungspark von Ellis Island besuchte und dort, komplett mit Schlangenbeschwörern und Fakiren, auf ein indisches Dorf stieß, wurde ihre Phantasie von Ägypten auf Indien umgelenkt. Fast augenblicklich dehnte sie ihre Studien auf Indien aus.
Sechs Monate suchte sie, bis sie jemanden fand, der sich bereit erklärte, ihren 17-Minuten-Tanz »Radha« sowie zwei andere »indische« Stücke, »The Cobras« und »Incense«, zu zeigen. Zwischen dem Boxer Jim Jeffries, der soeben seinen Schwergewichtstitel verloren hatte, und einer Truppe dressierter Affen trat sie 1906 in Proctor's Twentythird Street Theatre auf, zum ersten Mal unter dem von ihrer Mutter vorgeschlagenen Künstlernamen Saint Denis. Tatsächlich hatte Belasco, der an ihr mehr als nur künstlerisch interessiert gewesen war, sie wegen ihres keuschen Lebenswandels so gerufen.
Im Gegensatz zu Isadora Duncan und vor allem Loie Füller war Ruth St. Denis eine ausgesprochen schöne Frau: hochgewachsen, schlank und von stolzer Haltung, bis ins hohe Alter ausgesprochen attraktiv. Die Kombination von Exotik, nackter Haut, die ihr Kostüm als indische Göttin in der Taille sehen ließ, und künstlerischem Anspruch war höchst erfolgreich, zumal reiche Gönner und New Yorker Zeitungen sie protegierten. Die Tanzhistoriker sind sich einig, dass St. Denis - anders als Isadora - dem amerikanischen Publikum mit ihrer Mischung aus Sex, Kunst, exotischer Religiosität und Show exakt das gab, was es sehen wollte.
Gleichwohl entschwand St. Denis nach einer Serie von umjubelten Vorstellungen nicht nur in New York, sondern auch in Boston und Washington, nach denen sie zur »Göttin eines neuen Kults« ausgerufen wurde, zunächst einmal nach Europa. Mit einem ausgeweiteten Programm, das auch die Tänze »The Nautch« und »The Yogi« enthielt, tanzte sie 1906 in London und in Paris. Doch den größten Erfolg hatte sie in Berlin, wo man ihr anbot, für sie ein eigenes Theater zu bauen, wenn sie nur fünf Jahre bleiben würde. Sie tanzte sich durch die wichtigsten Städte des Kontinents, kam zurück nach London, wo sie mit ihren Vorstellungen im Co-luseum die damals horrende Summe von 500 Pfund pro Woche verdiente, und kehrte 1909 nach Amerika zurück, um sich den Traum zu erfüllen, den sie nicht aufgegeben hatte: die Produktion von »Egypta«, ein - wie Mazo schreibt - »abendfüllendes Drama mit einem seriösen Stoff in einem neuen Tanzstil«.
Am 10. Dezember 1910 kam »Egypta« in New York heraus und, aufwändig wie sie war, machte die Produktion Verluste. Auch eine kurze Aufführungsserie in Boston war kein Erfolg. So brach St. Denisv »Egypta« in Einzelstücke entzwei, die sie in spätere Aufführungen einbaute. Ihre Tourneen blieben nicht auf die Ostküste beschränkt und allmählich baute sie sich ihr eigenes Publikum auf, dem sie auch schwierige Stücke wie das vom klassischen japanischen Theater beeinflusste »O-Mika« (1915) zumuten konnte. Tatsächlich waren die orientalischen Tänze, die sie in ihren Stücken zeigte, nie authentisch, sondern nur gut nachempfunden. Denn St. Denis war, nicht nur in Stilfragen, eine Meisterin des raschen Kopierens. Dem Kritiker Walter Terry hat sie am Ende ihres Lebens gestanden, sie habe jede andere Tänzerin kopieren können: »Technik? Nie davon gehört. Ich brauchte mir nur ein paar dieser Mädchen mit akrobatischen Tricks anzusehen, sie zweimal zu beobachten und zu machen, was sie machten«. Doch eine Akrobatin ist sie nie geworden.
1914 lernte sie bei einem Vortanzen den zwölf Jahre jüngeren Ted Shawn kennen, de sie zunächst zu ihrem Tanzpartner machte und wenig später heiratete. Zusammen mit Shaw gründete sie 1915 in Los Angeles die Schule »Denishawn«, aus der in den folgenden Jahre - mit Martha Graham, Doris Humphrey und Charles Weidman - einige der wichtigsten Chereographen der nächsten Generation hervorgingen. St. Denis soll aber keine besonders gut Lehrerin gewesen sein. So überließ sie die Ausbildung der jungen Tänzer weithin ihre: Mann und angestellten Lehrkräften. Die El wurde nie geschieden. Doch lebten die Partner nach 1951 getrennt und kamen nur noch a professionelles Tanzduo zusammen. Auch die Schule wurde aufgelöst. Ted Shawn widmete sich ganz dem Männertanz, zog sich auf eine Farm in Massachusetts (Jacobs' Pillow) zurück und rief dort ein heute noch existierendes Festival ins Leben. Ruth St. Denis, in den letzte Dekaden ihres langen Lebens nur ehrfurchtsvoll »Miss Ruthie« genannt, gründete ihrerseits in New York zusammen mit der Tänzerin La Meri eine dem Studium des orientalischen Tanzes gewidmete Schule, schrieb 1939 ihre Memoiren (»An Unfinished Life«) und tanzte bis ins hohe Alter. Am 21. Juli 1968 ist sie Hollywood fast 90-jährig gestorben.