Datum: 09.02.2012, 05:05:16 Uhr 
 
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Entwicklung zu Reichs Minimal Music

Die Minimalistische Musik (auch minimal music) zählt zu der sogenannten Experimentellen Musik, welche als eigentlicher Repräsentant der modernen Musik zählt - natürlich nicht im Sinne der gewöhnlichen Popkultur sondern im Sinne von moderner, klassischer Musik. Bezeichnend für sämtliche Experimentelle Musik ist, wie der Name schon sagt, der Charakter des Experimentellen, also der Versuch, die herkömmlichen Konventionen der (westlichen) Musik zu durchbrechen und die Auffassung für Musik generell zu erweitern oder sogar gänzlich neu zu schaffen. Als Anfangspunkt hierfür wird meist Arnold Schönberg mit der atonalen Musik beziehungsweise mit seiner Zwölftontechnik genannt.

Bedeutend zu diesem Entwicklungsschritt haben aber auch frühere, tonale Komponisten wie Béla Bartók mit seiner Wiederentdeckung der Volksmusik beigetragen. Bartók war damit für die Komponisten herkömmlicher, klassischer Musik sozusagen revolutionär, da er die Bedeutung von Volksliedern (wohlgemerkt nicht von Kunstliedern) auf die Höhe der Musik Bachs und Beethovens erhob. Damit spielte er eine große Rolle in der Erweiterung der Auffassung von Musik, da die nächsten Schritte, durchgeführt von Schönberg und den ihm folgenden Komponisten, möglicherweise erst dadurch ermöglicht wurden.

Arnold Schönberg, geboren 1874, gilt durch die Schöpfung der Zwölftontechnik als bedeutendster Komponist des 20. Jahrhunderts. Nachdem er anfangs, getreu seiner Lehre bei Alexander von Zemlinsky, nach der Harmonielehre und mit tonalen Techniken komponierte, wandte er sich mit ca. 30 Jahren von dieser ab, und begann frei atonal zu komponieren. Das harmoniegewöhnte Publikum und die Kritiker fassten dies verständlicherweise äußerst negativ auf, weil die Ergebnisse meist disharmonisch und eben atonal klangen. Um 1920 brachten ihn seine Experimente schließlich zu der Zwölftontechnik, da die freie Atonalität ihm zu unberechenbar wurde. Trotz des erneuten "Zwangs" in eine Kompositionstechnik, war diese revolutionär für die damalige Zeit und gegen alle Konventionen. Außerdem ist anzumerken, dass Schönberg im Vergleich zu Einigen seiner Nachfolger, sich nicht immer streng an seine eigene Technik hielt, sondern sie manchmal auch zugunsten eines besseren (nicht unbedingt harmonischeren) Klangs ignorierte.

Die strengste Befolgung der Zwölftontechnik findet sich wohlgemerkt nicht in Schönbergs Werk, sondern in dem seines Schülers Anton von Webern. Schönberg selbst ging, wie bereits erwähnt, eher frei (im atonalen Sinne) mit seiner Kompositionstechnik um, ebenso wie sein anderer Schüler Alban Berg, welcher allerdings tonale Elemente (z.B. Akkorde) in die Zwölftontechnik einband.

Mit der Entwicklung der 12-Tontechnik ermöglichte Schönberg die Meisten anderen Entwicklungen in der modernen Musik. Noch viele Jahre nach ihm war die Serielle Musik, was eine Fortführung seiner Technik ist, äußerst beliebt bei vielen Komponisten und wurde vielen Musikschülern als Kompositionstechnik beigebracht. Hierbei wurde natürlich oft außen vor gelassen, dass die Atonale Musik zu ihrer Entstehung von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe komponiert und auch gehört wurde, während die Große Masse keinen Zugang zu dieser Musik hatte, ebenso wie dies bei anderen Kunstrichtungen wie zum Beispiel in der Bildenden Kunst mit den Impressionisten zutraf.

Nach Schönberg folgten viele weitere Komponisten, die mit wichtigen musikgeschichtlichen Entwicklungen dazu beitrugen, die Minimalistische Musik und das Werk Steve Reichs zu ermöglichen. Neben vielen Seriellen Komponisten ist darunter auch Hindemith zu nennen, der zwar teilweise atonal komponierte, sich jedoch hauptsächlich als Komponist von Gebrauchsmusik sah, da ihm die Nähe zum Publikum sehr wichtig war - insofern spielt er besonders für Steve Reich eine besondere Rolle, da auch dieser Wert auf die Nachvollziehbarkeit zwischen kompositorischem Prozess und dem musikalischen Endprodukte legte ("music as a gradual process").

Wenn Schönberg die Voraussetzungen für ein neues Musikverständnis frei von der tonalen Harmonielehre schuf, so schuf John Cage die Voraussetzungen für ein noch umfassenderes Musikverständnis und auch für die Verwendung der Elektronik für die Musik. Cage, der selber Schüler von Schönberg war und die Zwölftontechnik erlernte, ebenfalls bei einem anderen Lehrer jedoch die Harmonielehre kennen lernte, begann bald, sich seinen eigenen Weg zu suchen. Eine der drei neuen Methoden die er verwendete, war die erste wirkliche Umsetzung von "elektrischer Musik" - allerdings in einem ganz anderen Sinne als Reich sie später benutzen sollte. Er nutzte, im Gegensatz zu Reich, die elektrischen Geräte, nicht die damit übermittelten Inhalte - in "Imaginary Landscapes" verwendet er mehrere Radioapparate, die nach einem bestimmten Schema ein- und ausgeschaltet werden bzw. bei denen die Lautstärke und Frequenz geändert wird. Das entstehende Klangmuster nennt er "pattern" (bei Steve Reich wird der Begriff "pattern" für das einzelne Musterstück benutzt, die entstehenden, teilweise psychoakustischen Effekte nennt er "resulting patterns"). Ebenso wie bei seinen Stücken für präparierte Klaviere (bei denen selbige durch Attribute auf ihren Seiten wie z.B. eine Flasche, Klebeband u.ä.) spielt hier der Zufall eine große Rolle, denn was letzten Endes aus den Radios kommt, hängt schließlich von den verschiedensten Sendern ab. Das Stück ist also unvorhersehbar und nicht wiederholbar. Die dritte Technik Cages, welche Reich allerdings nicht direkt beeinflusste, war seine Entdeckung der Stille, was in dem Stück "4:33" gipfelte, ein Stück, bei dem ein Pianist 4 Minuten und 33 Sekunden vor dem Klavier saß und einfach nur abwartete.

Im Bereich der elektronischen Musik war auch Pierre Schaeffer, der Gründer der Musique concrete, ein wahrhafter Pionier. In einem der ersten Tonstudios nahm er in den Vierziger Jahren verschiedene Geräusche wie z.B. von einer Eisenbahn auf und verzerrte, verdrehte und verarbeitete diese Aufnahmen bis zur Unkenntlichkeit weiter, woraus eine neue Art von Musik entstand. Den Unterschied zwischen herkömmlicher Musik und der Musique Concrete legte er dabei am Kompositionsprozess fest: während die klassische Musik durch die Komposition vom Abstrakten (die Idee, die Noten) zum Konkreten (aufgeführte Klänge) führte, wird bei der Musique concrete ein ursprünglich konkreter Klang (die Aufnahme eines realen Geräusches) zu etwas abstraktem, den verzerrten Klängen der Musique concrete verarbeitet.
In Deutschland war Karlheinz Stockhausen der bedeutendste Vertreter der Musique Concrete, beziehungsweise später der deutsche Vorreiter in elektronischer Musik schlechthin. Ab 1953 arbeitete er im Musikstudio des WDR für elektrische Musik. Wichtig für ihn war neben einer im Laufe seines Lebens entwickelten Spiritualität die Freiheit für die Aufführenden (Ähnlichkeit zu Cage) und eine Bewusstseinsveränderung bei Aufführenden und Zuhörern. Auch wenn Reich sich selbst nicht zu Stockhausen äußert, kann man doch vermuten, dass er ihn und seine Werke kennt, da seine Stücke wenn nicht Voraussetzung, dann Parallelentwicklung zu Reichs minimalistischen Werken waren.

Die neue Technik fand jedoch in mehreren Ländern viele begeisterte Anhänger, unter anderen Luciano Berio und Luigi Nono in Italien. Berio, der später als Lehrer von Steve Reich diesem die Zwölftontechnik beibrachte, gründete zusammen mit Maderna das "Studio di Fonologia", womit er in Italien das Zeitalter der elektronischen Musik einleitete und wo er selbst zahlreiche elektronische Werke komponierte und darin unzählige Werke anderer Musiker verarbeitete und adapiterte - Maderna wiederum war der Lehrer Luigi Nonos, der ebenfalls viel elektronische Musik komponierte. Er war auch einer der ersten, der die elektronische Musik (Tonbänder und Lautsprecher) mit anderen elektronischen Elementen verband und sie zusammen mit herkömmlichen Chören zu einem Gesamtkunstwerk aus Licht, Musik, Dia- und Filmprojektionen machte. Nono hatte zusammen mit Maderna bei einem Dirigierkurs von Herman Scherchen die Zweite Wiener Schule Arnold Schönbergs kennen gelernt und eine Weile lang atonal komponiert. Er heiratete später auch Schönbergs Tochter Nuria und hielt viele Vorträge um dessen Kompositionstechnik. Doch schon bald besuchte er mit Maderna weitere Kurse, die ihn der elektronischen Musik näherbrachten. Von da an bis zu seinem Tod im Jahre 1990 komponiert Nono elektronische Musik, wie zum Beispiel das Stück "Intolleranza" (1961), welches viele Texte berühmter Schriftsteller zitiert und sich unter anderem mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt. Bedeutend in seinem Werk ist die Verbindung von atonaler und elektronischer Musik.

In Steve Reichs Werk finden sich alle diese Einflüsse wieder und um seine Musik zu verstehen, ist es daher wichtig, seine Einflüsse zu kennen.

10.05.2007 13:57:52 von derjesko
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