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Der Hut gestern und heute

Mode - Bekleidung
Der Hut gestern und heute

Vor 50 Jahren war der Hut noch ein ebenso wichtiger Teil der Alltagsgarderobe wie heute die Krawatte, der Schuh oder das Hemd. Das Tragen eines Hutes war bis in die sechziger Jahre die Erfüllung einer Kleidervorschrift, die von den wenigsten in Frage gestellt wurde und gegen die man allenfalls mit andersartigen Kopfbedeckungen, kaum aber mit Barhäuptigkeit, aufbegehrte. Wer dennoch ohne Hut herumlief, signalisierte deutlich, dass er sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegte. In Thomas Manns »Zauberberg« ermahnt Hans Castorp seinen Vetter Joachim Ziemßen, dass »man einen Hut aufhaben soll, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich schickt«.

Der Hut ist ein gutes Beispiel dafür, dass fast jede Mode einem praktischen Erfordernis entspringt, im Fall des Hutes war dies der Schutz vor Nässe, Staub, Kälte und Sonne. Wenn das ursprüngliche Erfordernis nicht mehr besteht, wird das dafür gedachte Kleidungsstück irgendwann als überflüssig empfunden. Wer mit dem Auto zur Arbeit fährt, statt lange Wege zu Fuß zurückzulegen, kann gut auf den Hut verzichten. Und wer in der Lage ist, sich sein Haar zu waschen, sobald es nötig ist, braucht es nicht unbedingt vor Staub und Schmutz zu schützen. Die fünfziger Jahre mit ihrer wöchentlichen Haarwäsche sind lange vorbei. Die Frisurenmode der sechziger und siebziger Jahre hat dem klassischen Herrenhut die Existenz zusätzlich erschwert, denn wer wollte schon auf die kunstvoll gefönte Pracht einen Filzhut stülpen, der das Haar unweigerlich an den Kopf gedrückt und es seines mühsam aufgebauten Volumens beraubt hätte.

Die Hutschachtel ist ein seltenes Utensil geworden. Als
der Hut noch ein selbstverständlicher Begleiter war, wie heute Mantel oder Schal, bot das stabile Behältnis für
die weiche Kopfbedeckung einen vertrauten Anblick. Es diente zugleich als Transportverpackung, staubdichter Aufbewahrungsort und Werbeträger für den Hutmacher.


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Doch auch in die Stirn gekämmtes Haar verträgt sich nicht mit einem Hut, da der Hut eine freie Stirn verlangt, um richtig zur Geltung zu kommen. Stirnhaar, das unter der Hutkrempe hervorschaut, erweckt die Assoziation eines unter der Anzugweste heraushängenden Oberhemds. Unbeirrbare Hutträger wählen daher meist einen klassischen Herrenhaarschnitt mit kurzem Nackenhaar. Auf jeden Fall sind sie davon überzeugt, dass der Anblick des Hutes dem des Haars, zumindest auf der Straße, vorzuziehen ist. Da uns heute jedoch gerade die Haartracht als Ausdruck der Individualität gilt, kommen nur wenige auf die Idee, sie mit einem Hut zu bedecken. Wer heute im Alltag Hut trägt, tut dies in der Regel im festen Bewusstsein des Ungewöhnlichen, fast Exzentrischen.

Wohlgemerkt im Alltag, denn zu besonderen Anlässen trägt der Herr nach wie vor Hut - oder besser Zylinder. Sollte ein festlicher Anlass also das Anlegen eines langschößigen Rocks (Cut oder Frack) erfordern, mögen sich auch jene, die sonst eher auf zurückhaltende Eleganz und zeitlosen Stil bedacht sind, dazu durchringen, den guten alten Zylinder aus dem hintersten Schrankwinkel zu holen. Den Zylinder jedoch zu einem anderen Anzug als Frack oder Cut aufzusetzen, wäre ein Fauxpas. Wessen Haartracht das Aufsetzen des Zylinders unmöglich macht oder zumindest sehr merkwürdig aussehen lassen würde, der behält den Hut in der Hand. Der häufigste Anlass, einen Zylinder zu tragen, ist heutzutage eine Hochzeit. Hier gilt der Cut oder der »morning coat« als internationaler Standard. Allerdings kann sowohl zum Cut als auch zum Frack auf den Zylinder verzichtet werden.

Außer bei sehr festlichen und hochoffiziellen Anlässen ist der Hut heute nur noch auf bestimmten sportlichen Veranstaltungen anzutreffen. So wird - getreu dem englischen Vorbild - bei allen Ereignissen des Pferdesports gern der braune Trilby getragen, von dem später noch die Rede sein wird. Andere Hüte werden eigentlich nicht mehr getragen, sie haben sich überlebt und passen nicht mehr in unser heutiges Stilempfinden. Ebensowenig wie beispielsweise die Taschenuhr oder der Stockschirm. Der internationale Stil mag manch einem zwar konservativ vorkommen, doch er hat nichts mit Nostalgie zu tun. An Althergebrachtem wird nur festgehalten, solange es wirklich Sinn macht. Der Hut hat seine Funktion weitgehend verloren, die Taschenuhr können wir nirgendwo hineinstecken, weil es keine Westen mehr gibt - und für den Gebrauch des Stockschirms ist uns die Spaziergangskultur abhanden gekommen. So verschwinden manche Dinge aus dem internationalen Stilkanon, während andere -wenn sie sich über ein oder zwei Jahrzehnte bewährt haben - neu aufgenommen oder manchmal auch nur wiederentdeckt werden. Vielleicht hat auch der Hut eine Chance, eines Tages wieder auf aller Häupter zu sitzen. Möglicherweise wäre dann die Baseballkappe der Wegbereiter seines Comebacks. Immerhin hat diese uramerikanische Schirmmütze es geschafft, sich dicht an die klassische Sportswear heranzupirschen. Sie wird eines Tages vielleicht ein ebenso akzeptierter Klassiker sein wie heute bereits der Pennyloafer oder das Polohemd. Und wer die Vorteile einer Kopfbedeckung einmal schätzen gelernt hat, wird eines Tages vielleicht auch wieder zum Filzhut greifen wollen.

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15.12.2007 23:24:30 von dergerechte
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